Verrucht und doch ein Standardtanz: Der Wiener Walzer

Obwohl der Wiener Walzer bei seiner Erfindung noch einer der skandalträchtigsten Tänze seiner Zeit war, entwickelte er sich schnell zu einem der bedeutendsten Standardtänze beim Wiener Opernball.

Der Wiener Walzer war zu Beginn verrucht, weil die Gesellschaft Tänze, bei denen sich die Paare in den Armen hielten, bis dahin nicht kannte. Die Geschwindigkeit, in der die Dame um ihren Tanzpartner wirbelt, führte zudem dazu, dass die Knöchel unter dem fliegenden Kleid sichtbar wurden. Doch die Vorbehalte gegen den neuen modernen Tanzstil hielten nicht lange an. Gegenüber dem Menuett, das bis dahin getanzt wurde, war der Wiener Walzer freier und lebhafter. Erstmals war es möglich, inmitten eines Tanzes einzusteigen. Während sich beim Menuett nach festen Figuren bewegt wird, die von mehreren Paaren gemeinsam getanzt werden, konnte nun erstmals ein Paar für sich tanzen, ohne mit anderen interagieren zu müssen.

Der Walzer ist relativ leicht zu lernen. Der Grundschritt basiert auf einem Dreivierteltakt und umfasst sechs Zeiten. Da die Füße stets abwechselnd bewegt werden, ist der Grundschritt allein durch Taktgefühl erlernbar. Die Betonung auf den jeweils ersten Ton des Taktes der Walzermusik spiegelt sich auch in der Bewegung. Der erste Schritt ist schwungvoller und kräftiger, als die beiden folgenden. In der aktuellen Tanzweise erwecken die Tanzpaare den Eindruck, als würden sie schweben. Unterstützt wird dieser Eindruck von der Geschwindigkeit mit der sich die Paare über das Parkett bewegen. Neben der Drehung um die eigene Achse tanzen beide in einem weiten Kreis entgegen dem Uhrzeigersinn um die Tanzfläche herum.

Bei Turniertänzen vollziehen die Paare zudem verschiedene Tanzfiguren, die die Präsentation spektakulär aussehen lassen. Die Standardfiguren, wie die Drehung vorwärts und rückwärts und den geschlossenen Wechsel, kann man bei jedem Turnier bewundern. Bei manchen Turnieren sind auch weitere Figuren gestattet, wodurch die Choreografien auch für ungeübte Zuschauer abwechslungsreich aussehen. Auch wenn der Ruf des Wiener Walzers inzwischen weniger dem verruchten, modernen Ringelreihen entspricht, als dem klassischen Tanz, der neben neuen Paartänzen, wie Mambo oder Discofox scheinbar langweilig wirkt, bleibt er doch der bedeutendste Paartanz unserer Zeit. Kein Brautpaar, kein Opernball käme ohne ihn aus.